Erlebnisbericht · Zermatt, Schweiz
Faszination
Matterhorn
Erlebnisbericht · Zermatt, Schweiz
Mit 14 stand ich auf dem Gornergrat in 3.102 Meter Höhe und konnte diesen Koloss bewundern. Damit meine ich das Matterhorn — den schönsten und faszinierendsten Berg der Welt, wie die meisten Alpinisten meinen.
Jetzt, im 41. Lebensjahr, bekam ich ein Angebot, dem ich nicht widerstehen konnte: Besteigung dieses „Wunderberges" mit drei Hachenburger Alpinisten — mit Hans-Jörg Sievers, Egon Benner und Alban Brühl. Und so steht es in einem Bergbuch:
„Das Matterhorn ist die schönste kristalline Pyramide der Alpen. Diese Berggestalt macht einen außergewöhnlich soliden Eindruck. Und dennoch ist ihr Fels sehr schlecht." Er verkörpert den vollkommenen Berg, den Traumberg. In den Augen der Laien erscheint er genauso unnahbar wie eindrucksvoll.
Optimal vorbereitet und in bester Kondition wollen wir am 1. August in die Schweiz fahren. Das bedeutet: Viel Training! Klettern am Marienstätter Felsenstübchen, Wandern in steilstem Gelände in der Nähe von Wissen, Waldläufe und vieles mehr.
Die Gruppe auf dem Weg zur Hörnlihütte — von links: Alban Brühl, Egon Benner, Albrecht Gehlbach und Hans-Jörg Sievers. Im Hintergrund das Matterhorn.
Der Campingplatz in Täsch ist nicht übervoll. Zermatt ist ein kleines autofreies Städtchen mit Katharinenmarkttrubel — 365-mal im Jahr. Das Matterhorn zeigt sich uns heute noch nicht, es ist vollständig von Wolken verdeckt.
Wir amüsieren uns im herrlich gelegenen Brigerbad, dem größten Freiluft-Thermalbad der Schweiz. Auf der Rückfahrt verrät uns der Wetterbericht: Abflauende NW-Winde, Nullgradgrenze auf 3.800 m ansteigend, bis Samstag beständiges, schönes Wetter. Damit wird Gewissheit: Wenn wir aufsteigen wollen, müssen wir morgen aufbrechen. „Matterhorn, morgen kommen wir!"
Das Breithorn, ein leichter Viertausender im Gletschergebiet, ist heute unser Ziel. In der Höhe weht ein eisiger NW-Wind, der uns allen zu schaffen macht. Mit Steigeisen und Pickel erreichen wir in einer Vierergesellschaft den höchsten Punkt.
Hier widerfährt mir ein besonderes Ereignis: die Gipfeltaufe, die von Egon gekonnt zelebriert wird — Schneeball muss auf Kopfhaut tauen, symbolischer Schlag mit dem Pickel auf den Rücken, feierliche Rede.
Mit dem Zug nach Zermatt, mit dem Sessellift zum Schwarzsee, dann zu Fuß zur Hörnlihütte (3.260 m). Hier steigen wir in den Berg ein. Vom scharfen Grat ist nichts mehr zu sehen. Wir befinden uns in einem regelrechten Irrgarten aus Türmchen, Kuppen, Platten, Blöcken, Kanten, Rissen, Stufen, Fels und Stein.
Um 17 Uhr kommen wir zur Solvayhütte (4.003 m). Die letzten 50 m sind fast senkrecht hoch — überwältigend, faszinierend, gefährlich. Viele Kletterer kommen von oben herunter, eilig, um noch bei Tageslicht die Hütte zu erreichen. Zum Gipfel reicht es für uns heute nicht mehr. Wir übernachten hier und wollen morgen frühzeitig aufbrechen.
„Zwischen Fels und Eis, zwischen Himmel und Erde erleben Seilgefährten sowohl das Schönste als auch das Schwierigste bei großer Einsamkeit und eisiger Stille."
— Albrecht GehlbachUm 6 Uhr stehen wir auf und nehmen das letzte Teilstück in Angriff. Überhängender Fels erwartet uns nach einer Stunde. Mit Fixseilen, die den Aufstieg erleichtern, schaffen wir auch diese Partie. Um 11 Uhr erreichen wir mit Steigeisen und Pickel den Gipfel.
„Hurra, wir sind am Ziel!" — Albrecht Gehlbach auf dem Gipfelgrat des Matterhorns, 4.478 m, August 1989.
Ein grandioses Panorama bietet sich uns — Erleichterung, Freude, Genugtuung. Die Anstrengung ist schon fast vergessen. Wir nicken uns zu, umarmen uns, freuen uns — ein unbeschreibliches, einmaliges Gefühl!
Und dann passiert es: Egon hat sich als erster abgeseilt und wartet 20 m tiefer auf uns. Ich seile mich als zweiter ab. Nach ungefähr 5 Metern merke ich: Der Haken reißt aus der Wand — ich stürze im freien Fall.
„Zwischen 10 und 15 Metern bist du gefallen", schätzen meine Kameraden später. Ich schlage auf dem Rücken auf, überschlage mich noch 4–5 Mal rückwärts und bleibe auf einem kleinen Felsvorsprung liegen.
Als ich mich nach wenigen Sekunden zum dritten Mal erheben will, ist Egon schon bei mir und bewahrt mich vor einem weiteren Rutsch in die Tiefe: 2.000 m Ostwand liegen unter mir! Klaffende, stark blutende Platzwunden in der linken Gesichtshälfte werden mit einem Notverband versorgt.
Das schlechte Wetter hindert den Helikopterpiloten am Hochkommen. Wir müssen diese Nacht im Biwaksack verbringen — in 4.100 m Höhe bei Schneesturm! 20 Stunden in diesem engen Plastiksack — kein Vergnügen, aber lebensrettend!
Durch die eigene Atemluft, die im Biwaksack kondensiert, ist nach wenigen Stunden kein Quadratzentimeter meiner Kleidung mehr trocken. Alle 15–20 Minuten höre ich eine Stimme, die mir Mut macht, diese Nacht zu überstehen: „Albrecht, geht's noch? Halt durch!" Es ist Egon, der schräg hinter mir in seinem Biwaksack sitzt und Wache hält.
Hans-Jörg und Alban haben einen Platz weiter oben gefunden, wo sie diese Nacht verbringen. In einer stillen Stunde sinne ich darüber nach und fange an, an mir aufzuzählen, was ich alles noch erleben möchte.
Sonntag schneit es am Vormittag noch. Gegen 10 Uhr reißt die Wolkendecke auf — die Sonne lässt sich ab und zu blicken. Aber das Bergmassiv unter uns ist in dichte Wolken gehüllt. Es gibt für mich nur 2 Möglichkeiten: noch eine Nacht im Biwaksack, oder runter zur Solvayhütte.
Obwohl ich mich nur unter größten Schmerzen bewegen kann, steige ich mit einer Rettungsmannschaft 1,5 Stunden zur Solvayhütte ab. Vorher bekomme ich ein starkes Schmerzmittel, damit ich die Strapazen einigermaßen aushalten kann.
Montag: Um 6 Uhr erreicht uns per Funk die Nachricht: „Bitte bereithalten, wir kommen in 10 Minuten mit dem Helikopter." Das Gefühl, mit einer Seilwinde in den Hubschrauber gezogen zu werden, ist unbeschreiblich. Unter mir 2.000 m steilste Abhänge.
Anschließend komme ich per Hubschrauber zu einem Arzt in Zermatt, dann im Krankenwagen nach Visp ins Hospital. In einer zweistündigen Operation werden die Wunden genäht — sie sind schon 49 Stunden alt.
„Die unendlich große Freude und Dankbarkeit, dass ich diesen Sturz überlebt habe, haben mich bewogen, diese Erlebnisse aufzuschreiben und auch allen Lesern des TuS-Info mitzuteilen."
— Albrecht Gehlbach, Hachenburg 1989Dienstag: Die Brötchen esse ich mit Heißhunger — es ist meine erste Nahrung seit Freitagabend! Mittwoch: Auf eigene Verantwortung verlasse ich das Hospital und trete mit Hans-Jörg die Heimreise an.
Nach 7 Stunden Fahrt begrüßen mich meine Familie und einige Freunde vor der Haustür. Sie wissen noch nicht viel von dem, was sich seit Samstag, dem 5. 8. 89, ab 15.15 Uhr zugetragen hat.
125 Jahre Matterhorn Erstbesteigung · Ausstrahlung 14. Juli 1990